April-Lesetipps aus dem offenen Bücherschrank

 

Die April Lese-Tipps aus dem offenen Bücherschrank


Von Regula Freuler




Camille Jourdy: Rosalie Blum. Graphic Novel.

Das ursprünglich in drei Bänden erschienene Werk ist von einer erzählerischen sowie zeichnerischen Souveränität, die ihresgleichen sucht. Allein die Freiheiten, die sich die Französin Camille Jourdy (*1979) für die Seitenarchitektur nimmt, beglücken: Diese reicht von winzigen bis zu ganzseitigen Panels; oft fehlen die Rahmen, was der Geschichte einen lockeren Fluss verleiht. Der federleichte Strich überzeugt gleichermassen bei Stillleben wie bei vielteiligen Bewegungssequenzen und verleiht dem Ganzen eine filmische Dynamik. Jourdys Gespür für seelische Abgründe und Spannung lassen einen das Buch – immerhin 360 Seiten – kaum weglegen, bevor man auf der letzten angekommen ist. 

Die Hauptfigur, Rosalie Blum, eine Verkäuferin in ihren Vierzigern, umgibt ein trauriges Geheimnis. Jourdy nähert sich ihm aus drei Perspektiven. Im ersten Teil aus jener des 30-jährigen Friseurs Vincent, der Rosalie nachstellt (aus harmlosen Gründen). Im zweiten aus jener von Aude, Rosalies 21-jähriger Nichte. Im dritten Teil werden die Perspektiven und Figuren zusammengeführt. Zu diesen drei kommen zahlreiche Nebenfiguren wie Vincents tyrannische Mutter und Audes schräger Mitbewohner, alle sorgfältig charakterisiert. Komik und Tragik sind oft ganz nah beieinander. Bei «Rosalie Blum» stimmt wirklich alles. Die Graphic Novel hat die wichtigsten Comic-Preise bekommen und wurde auch verfilmt. Hier der Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=fC7gtLQPExY

Ja, «Rosalie Blum» ist ein Comic. In den vergangenen zehn Jahren hat sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt für ernsthafte Comics wie diesem allerdings der Begriff «Graphic Novel» etabliert: grafischer Roman. Man kann ihn mit dem Label «Arthouse» für anspruchsvolle Kinofilme vergleichen. Warum aber brauchen Comics bei uns ein solches Label?

In Frankreich sieht man in Geschäften für «bandes dessinées» ebenso Hipster und Studis wie auch Geschäftsmänner und -frauen nach Neuerscheinungen stöbern. Im deutschen Sprachraum hingegen halten leider noch immer viele Erwachsene Comics für Kinderkram oder Schund. Das hat historische Gründe: Schuld daran ist die Amerika-Feindlichkeit nationalistischer und nationalsozialistischer Kreise Deutschlands ab den 1920er-Jahren, in denen Mickey Mouse und Co. verpönt waren. In Frankreich orientierte man sich  jedoch nicht an der amerikanischen, sondern an der belgischen Schule – wir alle kennen «Tim und Struppi» von Hergé.

Marco d’Eramo: Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Sachbuch.

«Go Home, Tourist!» - Diesen Verzweiflungsruf las und hörte man in den vergangenen Jahren oft von Bewohnern grosser Städte wie Amsterdam, Venedig, Barcelona, Berlin. Billigflügen und Kreuzfahrt-Boom sei Fluch, werden diese Metropolen von immer mehr Touristen überflutet. Der Journalist Marco d’Eramo (*1947) ist Römer und weiss, wovon er in seinem Buch «Die Welt im Selfie» schreibt: Kirchen verlangen Eintrittsgelder, der kleine Laden ums Eck weicht dem nächsten Souvenirshop, für Einheimische werden die Innenstädte zu teuer, sie verkommen zur Kulisse für Touristen mit dem Selfie-Stick. Eine beissend scharfe  Streitschrift.

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage. Roman

Seri, Aja und Karl – zwei Mädchen und ein Bub, die eine intensive Freundschaft verbindet. Sie lernen sich in einer süddeutschen Kleinstadt kennen. Was aussieht wie eine heile Welt, ist es nur vermeintlich. 

Im Zweitling der von ungarischen Eltern abstammenden deutschen Schriftstellerin Zsuzsa Bánk (*1965) geht es erneut um Heimatlosigkeit. Hier eine ausführliche Rezension in der «Zeit»: https://www.zeit.de/2011/16/L-B-Bank/komplettansicht

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